Ein Interview geführt von Hanna Kopahnke
Hanna Kopahnke:
Helen, du hast dich viel mit der Geschlechtergeschichte von Sport beschäftigt. Mich interessiert: Ist Sport eigentlich schon immer so gewesen, wie wir ihn heute kennen?
Dr. Helen Ahner:
Tatsächlich ist das, was wir heute unter „Sport“ verstehen – also organisierte Wettkämpfe, Vereinsstrukturen, regelmäßiges Training – ein relativ junges Phänomen. Das hat sich erst im 19. Jahrhundert entwickelt, vor allem in England. In Deutschland gab es zusätzlich das Turnen, eine sehr bürgerlich-deutsche Bewegung. Beides war aber eng mit Nationalismus und Militarismus verbunden. Es ging nicht nur um körperliche Ertüchtigung, sondern darum, Körper für den Krieg vorzubereiten. Und das waren eben vor allem Männerkörper.
Hanna Kopahnke:
Also eine körperliche Praxis, die nicht nur Spaß machen, sondern auch einem bestimmten Zweck dienen sollte?
Dr. Helen Ahner:
Genau. Und das ist das Spannende, denn diese Ambivalenz zieht sich bis heute durch: Sport wurde sehr früh einerseits mit Disziplin und Drill aufgeladen, hatte aber immer auch Elemente von Spiel, Freude und Ästhetik. Gerade das macht ihn auch zu einem wirksamen Instrument, um Körper zu formen, weil er nicht nur auf Zwang beruht, sondern auch Lust erzeugt.
Hanna Kopahnke:
Und was bedeutete das für Frauen? Wurden sie komplett ausgeschlossen?
Dr. Helen Ahner:
Nicht komplett. Frauen und Mädchen1 haben sich schon immer sportlich betätigt, auch im Turnen. Aber das war streng gegendert: Mädchen sollten elegant turnen, nicht springen, keine abrupten Bewegungen machen. Es gab tatsächlich Verbote, weil man Angst hatte, dass dabei „etwas herausfällt“. Das Fahrradfahren war dann um 1900 ein riesiges Thema für Mädchen und Frauen, denn es bedeutete Selbstbestimmung, Geschwindigkeit und Unabhängigkeit. Viele Frauen haben das als empowernd erlebt. Und da sind wir auch schon beim Thema Ehrgeiz: Das Bedürfnis, etwas zu können, sich zu beweisen, sichtbar zu werden. Wenn Frauen dieses Bedürfnis äußerten, erfuhren sie oft Abwertung.
Hanna Kopahnke:
Gab es durch den Ersten Weltkrieg einen Bruch in dieser Entwicklung?
Dr. Helen Ahner:
Das wird oft so erzählt, stimmt aber nur bedingt. Viele Entwicklungen der 1920er, wie etwa die Institutionalisierung von Frauensport und ganz allgemein die Ausweitung der Rechte und Möglichkeiten von Frauen, waren schon vorher angelegt. Nach den einschneidenden Erfahrungen des Ersten Weltkriegs nahmen diese Entwicklungen weiter Fahrt auf. Außerdem gab es in den 1920er Jahren einen richtigen Sportboom und der führte auch dazu, dass Frauen und Mädchen im Sport besonders sichtbar wurden und Raum in gesellschaftlichen Diskussionen einnahmen.
Hanna Kopahnke:
Und 1896 kamen ja die ersten modernen Olympischen Spiele. Da war doch für Frauen anfangs kein Platz?
Dr. Helen Ahner:
Nein, Pierre de Coubertin, der Gründer der modernen Olympischen Spiele, war in dieser Hinsicht sehr klar: Er wollte Frauen in einer Zuschauerinnenrolle. Sie sollten jubeln, nicht mitmachen. Aber das sahen nicht alle so und mit jeder Wiederholung der Spiele nahmen Frauen an mehr und mehr Sportarten teil. Zunächst waren sie vor allem in den Sportarten zugelassen, die in höheren sozialen Schichten angesehen waren und als anständig genug galten: Tennis, Reiten, Rudern. Stark diskutiert wurde auch abseits der Olympischen Spiele die Frage, wie viel Wettbewerb im Frauensport dabei sein darf. Es wurde angezweifelt, ob Frauen körperlich und psychisch dazu in der Lage sind, mit Wettbewerb und Wettkampf umzugehen. Es war die Sorge, dass Frauen durch zu viel Ehrgeiz im Sport entweder „hysterisch“ oder “vermännlicht” werden (das waren die Worte, die damals benutzt wurden).
Hanna Kopahnke:
Und wie haben Frauen darauf reagiert?
Dr. Helen Ahner:
Die haben sich nicht vom Sportmachen abhalten lassen und weiter dafür gekämpft, dass sie ernst genommen wurden. Alice Milliat zum Beispiel gründete in den 1920ern die „Weltspiele der Frauen“, eine eigene Wettkampfstruktur, vor allem für Leichtathletik. Anfangs mit vier Nationen, später kamen mehr dazu, auch Deutschland. Frauen haben sich also eigene Räume geschaffen. Das zieht sich durch die ganze Sportgeschichte. Alice Milliat hat nicht nur die Weltspiele der Frauen mitbegründet, sondern war auch Mitglied in einem der ersten Frauenfußballvereine in Paris: Fémina Sport.
Hanna Kopahnke:
Ich habe gehört, dass es in Österreich zu dieser Zeit schon Versuche gab, Frauenfußball zu etablieren?
Dr. Helen Ahner:
Ja, da gibt es interessante Quellen. Manche dieser Versuche hatten aber schon einen voyeuristisch-sensationsgierigen Unterton, zum Beispiel wenn Männer Frauenmannschaften über Zeitungsannoncen zusammenstellten.
Hanna Kopahnke:
Neben der Sexualisierung: Welche anderen Hürden hatten fußballspielende Frauen?
Dr. Helen Ahner:
Vor allem strukturelle. Und viele davon bestehen bis heute. Frauen und Mädchen mussten, und müssen heute noch, um Zugänge zu Sportstätten, Trainer*innen, Ressourcen kämpfen. Dazu kommt, dass Mädchen früh lernen, dass sie nicht selbstverständlich Zeit nur für sich und ihre eigenen Hobbies haben. Das Stichwort ist hier Care-Arbeit. Diese wird ja schon von Mädchen sehr früh geleistet. Dazu kommen sexistische Zuschreibungen: Fußball gilt als hart, als „unweiblich“, als zu ehrgeizig, zu schnell, zu wild. Frauen wurde abgesprochen, dass sie das können oder dass sie dabei noch „weiblich“ wirken.
Hanna Kopahnke:
Und dann kam das berühmte DFB-Verbot?
Dr. Helen Ahner:
1955 wurde Frauenfußball in Deutschland vom DFB verboten, ein deutlicher Ausdruck der reaktionären Nachkriegszeit. Frauen sollten sich um Familie und Haushalt kümmern, nicht kicken. Das Verbot wurde erst 1970 aufgehoben, auch deshalb, weil Frauen einfach weitergespielt haben. Viele Vereine haben sich selbst gegründet und eigene Strukturen aufgebaut. Übrigens kämpfen queere Vereine und Frauenvereine auch heute noch um Platz- und Trainingszeiten.
Hanna Kopahnke:
Und trotzdem ist Frauenfußball aktuell so sichtbar wie noch nie. Was macht das mit uns?
Dr. Helen Ahner:
Es macht was mit unseren Bildern von Frauenkörpern, Leistung und Zugehörigkeit. Plötzlich sehen wir im Fernsehen Frauenkörper, die ehrgeizig, kämpferisch, präsent sind – und das zur Primetime. Es geht nicht mehr um Schönheit oder Eleganz, sondern um Kraft, Reaktion, Teamgeist. Und ja, das ist auch politisch. Weil Frauen im Fußball sowieso gegen Erwartungen handeln, wird dieser Raum zu einem Ort, in dem Normen unterlaufen werden. Das ist super interessant.
Zur Person
Vorschau auf Teil 2:
Im nächsten Gespräch mit Dr. Ahner geht es um Ehrgeiz als Gefühl und gesellschaftliche Kategorie: Wer darf ehrgeizig sein – und warum wird weiblicher Ehrgeiz oft kritisiert?
Hier weiterlesen.
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Der Begriff Mädchen inkludiert cis Mädchen, inter*, nichtbinäre, transidente, agender Personen sowie alle Personen, die sich als Frauen oder Mädchen identifizieren. Allerdings war und ist Sport in vielen Bereichen noch sehr binär strukturiert und erschwert so vielen queeren Menschen die Teilhabe – dass im Interview vor allem binäre Geschlechtsbezeichnungen vorkommen, spiegelt das wider. ↩
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