Ein Interview geführt von Hanna Kopahnke

Hanna Kopahnke:
Helen, wir haben viel über die Geschichte von Frauen im Sport gesprochen, über Ausschlüsse, Selbstorganisation, Sichtbarkeit. Heute würde ich gerne mit dir über Ehrgeiz sprechen. Ein Gefühl, das im Sport ja zentral und aber auch stark geschlechtlich codiert, oder?

Dr. Helen Ahner:
Absolut. Ehrgeiz ist historisch gesehen ein hochgradig männlich konnotiertes Gefühl. Der Literaturwissenschaftler Eckhart Goebel definiert Ehrgeiz als “das lodernde Verlangen nach etwas, das nicht eher ruhen kann, bis man es erreicht hat.” Aber wer darf dieses Verlangen zeigen und verfolgen? Frauen, die ehrgeizig sind, machen sich oft ein Stück weit verdächtig. Sie gelten vielen als übertrieben, hart, kalt, egoistisch, während männlicher Ehrgeiz als Zielstrebigkeit, Disziplin oder Führungsqualität gelesen wird. Das ist eng mit anderen Rollenbildern und Geschlechtervorstellungen verbunden. Diese doppelte Bewertung ist tief verankert.

Hanna Kopahnke:
Und das hat auch viel mit Bildern zu tun, die wir von ehrgeizigen Frauen im Sport haben, oder?

Dr. Helen Ahner:
Genau. Es gibt stereotype Bilder, die bis heute wirken. Zum Beispiel die disziplinierte und kühle Turnerin, aber auch abseits vom Sport: die eiskalte Karrierefrau, oder – für manche auch positiv besetzt – die „Bossbitch“. Diese Figuren werden oft ethnisiert und sexualisiert. Gleichzeitig gibt es für Männer kaum vergleichbare negative Zuschreibungen. Es gibt keine #thatboy der ähnlich viel negative Aufmerksamkeit bekommen hat wie der #thatgirl – hier gab es sowohl feministische als auch misogyne Kritik an den dargestellten Selbstoptimierungspraktiken. Trotzdem gibt es jede Menge Selbstoptimierungs-Content für Männer, der weitgehend unkommentiert bleibt.

Hanna Kopahnke:
Gibt es denn einen Unterschied zwischen sportlichem Ehrgeiz und dem, was wir gesellschaftlich als Ehrgeiz wahrnehmen?

Dr. Helen Ahner:
Sport ist tatsächlich ein super Ort, um über Ehrgeiz zu sprechen, weil er körperlich sichtbar und gezielt trainiert wird. Ein Ehrgeiz, der sich in Sprungkraft, Raumgreifen, Durchhaltevermögen zeigt. Besonders interessant ist hier die Perspektive von Iris Marion Young, die sagte: Frauenkörper werden gesellschaftlich so sozialisiert, dass sie wenig Raum einnehmen sollen, klein bleiben, passiv sein. Sport, insbesondere Mannschaftssport, stellt das komplett auf den Kopf.

Hanna Kopahnke:
Und doch sind viele Mädchen im Sport eher mit Kalorienverbrauch oder Figurfragen konfrontiert, oder?

Dr. Helen Ahner:
Sport ist für Mädchen nicht automatisch ein Raum der Selbstermächtigung, es kann auch Selbstkontrolle eine Rolle spielen. Das hat historische Wurzeln: Schon in den 1920ern gab es Programme wie von Bess Mensendieck, die Frauen gymnastisch formen sollten, elegant, atmend, schön, aber nicht zu muskulös. Oder denken wir an den Aerobic-Hype der 1980er – solche Trainings können oft beides sein: einerseits bestärkend und vergnüglich, andererseits Wege zur Unterwerfung unter geltende und oft unerreichbare Schönheitsnormen. Heute finden wir diese Doppelläufigkeit zum Beispiel in Pilates, HIIT oder „Bauch-Beine-Po“-Kursen. Da geht es nicht immer um Kraft oder Raum, sondern häufig auch um die Normierung von Weiblichkeit.

Hanna Kopahnke:
Was macht Fußball in diesem Zusammenhang so besonders?

Dr. Helen Ahner:
Fußball ist immer noch ein hypermaskuliner Raum. Frauen, die Fußball spielen, betreten diesen Raum gegen die Erwartung, sie nehmen sich aus der Rolle der disziplinierten, dekorativen Sportlerin heraus. Das macht ihn so spannend. Fußball ist laut, schmutzig, körperlich, kollektiv und deshalb für viele Frauen ein Erfahrungsraum für einen anderen Ehrgeiz: ehrgeizig zu sein, ohne sich dafür entschuldigen zu müssen – und Ehrgeiz fürs Team.

Hanna Kopahnke:
Wie siehst du die Debatte um Emotionen im Sport: Jubel, Wut, Tränen?

Dr. Helen Ahner:
Einerseits finde ich es kraftvoll, wenn weibliche Emotionen sichtbar werden – beim Jubeln, beim Kämpfen, beim Verlieren. Andererseits würde ich nicht jeden Wutausbruch und vor allem nicht jede Form des Ehrgeizes als feministischen Akt feiern, Ehrgeiz kann auch unsolidarisch sein. Entscheidend ist, dass Gefühle wie Wut oder Ehrgeiz nicht mehr als unweiblich gelten, sondern als menschlich. Und dass sie produktiv werden können, auch jenseits des Sports. Ehrgeiz ist ein Gefühl, das uns in Bewegung setzt. Wenn Mädchen und Frauen sich Räume erkämpfen, Strukturen aufbrechen, neue Formen von Anerkennung schaffen, dann ist das auch ehrgeizig. Zum Beispiel als das erste Team im deutschen Fußball der Frauen entschlossen hat, wollen wir bei einer Weltmeisterschaft mitspielen und dann merken, es gibt nicht nur sportliche Hindernisse auf dem Weg dahin, sondern auch politische, die es zu überwinden gilt. Da hat sich ein doppelter Ehrgeiz entwickelt. Diesen Ehrgeiz als Ressource für politische und feministische Kämpfe finde ich total interessant.

Ende der Reihe

Dieser zweite Beitrag schließt die Serie ab. Wer alle Gespräche lesen möchte, findet Teil 1 zur Geschichte des modernen Sports auf hier auf unserem Blog.

Dr. Helen Ahner

Zur Person

Dr. Helen Ahner ist Assistenzprofessorin am Institut für Europäische Ethnologie der Universität Wien. Sie forscht zu Gefühlen, Körpern, Dingen und Erfahrungen in historischer und gegenwärtiger Perspektive. In ihrem aktuellen Forschungsprojekt bearbeitet sie die Kultur- und Geschlechtergeschichte des Ehrgeizes im Sport. Ihre Doktorarbeit „Planetarien. Wunder der Technik – Techniken des Wunderns“ wurde mit dem Manfred-Lautenschläger-Preis der Heidelberger Akademie der Wissenschaften ausgezeichnet und erhielt eine Honourable Mention im Rahmen des Turriano ICOHTEC Prize.