Mit fünfzehn habe ich in einem Mädchenhaus gelebt, in dem ich unter der Woche um 21 Uhr zurück sein musste. Für lange Zeit war das mein Zuhause, obwohl mir dort nichts gehört hat. In der Schule gingen meine Noten gleichzeitig steil bergab und mitreden durfte ich in diesem System auch nicht. In dieser Zeit hatte ich kaum Einfluss auf mein eigenes Leben. Irgendwann habe ich nichts mehr gesagt, wenn mich was gestört hat, weil ich das Gefühl hatte, dass es sowieso nichts ändert.

Heute bin ich volljährig und bestimme weitgehend selbst, wie mein Leben aussieht. Trotzdem gibt es Nächte, in denen mich das Gefühl der Ohnmacht wieder einholt. Die letzte war nach einer Wahl. Obwohl ich wusste, dass es die Situation nicht besser macht, habe ich zu lang auf Insta gescrollt. Je schlimmer die Ergebnisse wurden, desto weniger konnte ich aufhören, weiterzuscrollen. Irgendwann hatte ich richtig Angst. Schon wieder war da das Gefühl, dass das, was ich mache, sowieso nichts ändert. Damals im Mädchenhaus stimmte das auch. Mittlerweile nicht mehr, weil ich über mein eigenes Leben entscheide und ein Stück weit dadurch auch die Welt beeinflussen kann. Nachts macht mein Kopf da anscheinend trotzdem keinen Unterschied.

Wenn ich mit Menschen darüber rede, kommt regelmäßig derselbe Satz: „Das wird schon alles wieder.” Ich höre ihnen dann zu und merke, dass viele ihn sagen, ohne selbst daran zu glauben, obwohl wir ähnliche Sorgen besitzen. Warum eigentlich? Ich denke, der Satz soll Optimismus ausdrücken. Optimismus ist eine Erwartung, die damit rechnet, dass es gut wird, und die sich in dem Moment erledigt, in dem es nicht gut wird. Deswegen habe ich angefangen, an etwas anderes zu glauben.
Hoffnung sagt nämlich nur, dass noch nichts entschieden ist. Gerade weil sie nichts verspricht, kann ich es trotzdem versuchen.

Letztens habe ich mit einer Freundin über etwas Politisches diskutiert, wo wir uns nicht einig waren. Früher hätte ich das gelassen. Am Ende hat sie gesagt, dass sie meinen Punkt versteht. Für mich ist das schon Politik. Weil wir respektvoll miteinander waren, obwohl wir eine andere Meinung hatten. Sowas fühlt sich im Moment oft schlecht an. Trotzdem kann genau das der Grund sein, warum es in Zukunft besser wird. Die Zukunft baut man im Heute.

Weg ist die Angst vom Wahlabend nicht. Ich habe sie immer noch. Und don‘t get me wrong. Niemand muss aus einer schweren Zeit etwas Gutes machen. Das ist keine Pflicht! Darum schreibe ich in dieser Kolumne regelmäßig offen über meine Herausforderungen. Denn auch die Leute, bei denen ihr denkt, sie hätten das alles im Griff, liegen nachts zum Teil genauso wach. Was ich mir daher für euch Girls wünsche, ist ziemlich simpel. Dass ihr eine einzige kleine Sache versucht, die auch schiefgehen kann.

Geschlafen habe ich in der Wahlnacht sehr schlecht, weswegen ich morgens gezögert habe, aufzustehen. Trotzdem habe ich mich für die Schule fertig gemacht. Nicht weil es mir besser ging, sondern weil ich die Nacht nicht auch noch den Tag kaputt machen lassen wollte. Ob das Hoffnung war oder nur Trotz, weiß ich bis heute nicht. Denn was wäre, wenn wir es nicht wissen müssten?

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