Im Nachhinein soll man ja immer schlauer sein. Wenn ich heute auf die Luisa zurückblicke, die einen Großteil ihres Erwachsenwerdens im Mädchenhaus verbracht hat, würde ich ihr gerne sagen, dass sie nicht das Problem war. Sie war es nie. Aber von vorn.
Mein größter Wunsch als Teenager war eigentlich simpel. Ich wollte ankommen dürfen. Das war alles. Stattdessen hatte ich immer das Gefühl, dass genau das für mich nicht vorgesehen war. Also ging ich. Nicht einmal, sondern viermal. Jedes Mal mit dem gleichen Koffer und dem Gefühl, dass irgendetwas mit mir nicht stimmt. Heute weiß ich, wo ich stehe. Damals wusste ich das nicht. Weil mir das Selbstbewusstsein fehlte, habe ich lange die Schuld bei mir gesucht. Wirklich lang. Ich dachte, wenn du nicht ankommst, stimmt etwas mit dir nicht. Aber das ist falsch. Wenn Hilfe ausbleibt, fragt man sich irgendwann nicht mehr, warum nichts funktioniert. Man fragt sich, was mit einem selbst nicht stimmt. Genau das macht ein schlechtes Hilfesystem so gefährlich. Es verändert, wie junge Menschen über sich selbst denken.
Natürlich gibt es Fachkräfte, die ich nicht vergesse. Ohne sie wäre mein Weg ein anderer. Das sage ich nicht, um nett zu sein. Und trotzdem. Es hat auch Menschen gegeben, die hätten hinschauen können, die es nicht getan haben. Nicht immer, weil sie überlastet waren. Manchmal wollten sie einfach nicht hinschauen. Lange habe ich selbst nicht darüber gesprochen. Ich verstehe, warum das vielen schwerfällt. Man hat Angst, am Ende selbst schuldig auszusehen. Aber wer als Mädchen in dieser Situation war, muss sich für nichts schämen. Wer weggeschaut hat, schon eher. Wenn du als Mädchen um Hilfe bittest, ist das kein Zeichen von Schwäche. Es ist das Mutigste, was du tun kannst, weil du damit sagst, dass hier etwas nicht stimmt.
Ich würde der Luisa von damals noch etwas sagen. Dem Mädchen mit dem Koffer, das immer wieder gegangen ist und jedes Mal dachte, es läge an ihr. Es lag nicht an ihr. Sie war kein Problem, das gelöst werden musste. Sie war ein Mädchen, das Hilfe gebraucht hat. Was wäre also, wenn nicht die Mädchen stärker werden müssten, sondern das System?
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