Als ich letztens auf TikTok unterwegs war und aus fünf Minuten mal eben eine Stunde wurde, bin ich über mehrere Videos gestolpert, in denen sich Girls wieder so schminken, wie sie Lust darauf haben. In diesem Moment musste ich daran denken, wie präsent die Jahre davor die „Clean Girl Aesthetic“ war. Ein Look, den viele Mädchen erreichen wollten, indem sie besonders gepflegt wirken. Meistens bedeutete das: minimalistisches Make-up, geordnete Haare und ein casual Outfit. Zusammen ergibt das ein Erscheinungsbild, das ordentlich wirken soll. Daran ist erstmal nichts falsch! Es kann Spaß machen und für viele gehört genau das zur eigenen Ausdrucksform.
Schwierig wird es dann, wenn aus einem Trend ein Maßstab wird. Wenn jungen Mädchen vermittelt wird, dass sie nur dann richtig wirken, wenn sie diesem Bild möglichst nahekommen. Dann geht es plötzlich weniger um Freude am Ausdruck, sondern darum, sich anzupassen. Auch ich habe diesen Druck schon gespürt. Vor ein paar Jahren wollte ich unbedingt Klamotten besitzen, die andere Mädchen auf dem Schulhof getragen haben, um mehr dazuzugehören. Erst später habe ich verstanden, dass es viel befreiender ist, sich selbst treu zu bleiben, als Trends hinterherzulaufen.
Auch wenn der Clean-Girl-Trend inzwischen langsam abebbt und teilweise durch messy Looks ersetzt wird, verschwinden diese Mechanismen nicht einfach. Sie tauchen wieder in neuer Form wieder auf. Gerade trenden oft Videos, in denen Mädchen ihr „Get unready with me“ zeigen, also ihre perfekt wirkende Abendroutine. Auf den ersten Blick wirkt das wie das Gegenteil des alten Trends. Schaut man genauer hin, sind es aber oft wieder sehr kontrollierte Bilder eines idealen Alltags. Genau darin liegt das eigentliche Problem. Denn Social Media zeigt häufig eine Version von Leben, in der alles gleichzeitig funktioniert. Dazu gehören Workouts, perfekte Hautpflege und gesunde Ernährung. Aber wann ist das Leben schon so berechenbar?
Die Vorstellung, immer komplett zusammen zu sein, ist schlicht unrealistisch. Das Leben ist manchmal einfach Chaos! Das macht aber niemanden weniger wertvoll. Im Gegenteil. Manchmal ist es sogar befreiend, dieses Chaos zuzulassen, statt ständig zu versuchen, einem Bild zu entsprechen, das in Wirklichkeit kaum jemand dauerhaft erfüllen kann. Das bedeutet nicht, dass man solche Ästhetiken ablehnen muss. Viele Menschen, die sich schminken, haben Spaß daran und das ist völlig legitim. Sie sollten nur eine Möglichkeit sein, sich auszudrücken und kein Maßstab dafür, ob jemand genug ist. Denn was wäre, wenn unser Ziel gar nicht wäre, „clean“ zu sein, sondern ehrlich. Auch dann, wenn es ein bisschen messy wird?
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