Ein Interview geführt von Hanna Kopahnke

Hanna Kopahnke:
Sylvia, wie ist das Tagebuchschreiben in Europa eigentlich entstanden? Und ist es wirklich ein typisches Mädchenhobby?

Dr. Sylvia Wehren:
Wenn eure Grundfrage ist, ob Tagebuchschreiben ein typisches Mädchenhobby ist, dann muss man sagen: Das ist nicht so einfach zu beantworten. Es gibt aktuell keine Studien darüber, wie verbreitet Tagebuchschreiben heute ist oder welche Formen es annimmt. Vieles, was man glaubt zu wissen, ist auch unterfüttert mit Klischees. Diese werden verstärkt durch einen kommerziellen Markt, der Tagebücher oftmals feminisiert vermarktet. Studien aus dem 20. Jahrhundert zeigen aber, dass Mädchen etwas häufiger schreiben. Historisch gab es viele Vorformen, die alle Eingang fanden in aktuelle Tagebuchkulturen, die sehr vielgestaltig und heterogen sind und sich auch in Teilen ins Digitale verlagern: Chroniken, Reiseaufzeichnungen, Logbücher, die antiken Hypomnemata. Das Tagebuch, wie wir es oftmals denken, als kleines Buch mit einem Schloss, das jemand allein im Zimmer sitzt und privat schreibt – diese Form entsteht im 17. und 18. Jahrhundert vor allem in bürgerlichen-protestantischen Kreisen. Allerdings ist eben Tagebuchschreiben von Mädchen auch zumeist pädagogisiert.

Hanna Kopahnke:
Pädagogisiert – was heißt das konkret?

Dr. Sylvia Wehren:
Besonders Mädchen wurden lange Zeit systematisch zum Tagebuchschreiben angehalten. Philippe Lejeune hat das intensiv für französische Mädchentagebücher des 19. Jahrhunderts erforscht. Mädchen bekamen etwa zur Kommunion oder Konfirmation ein Tagebuch geschenkt mit dem elterlichen Auftrag, darin ihre Sünden zu prüfen und sich moralisch zu verbessern, um eine ‚anständige Frau‘ zu werden. Das Tagebuch war also ein pädagogisches Instrument der Selbstdisziplin, moralischen Kontrolle und Selbstbildung. Gleichzeitig war es lange kein rein privater Raum. Viele Aufzeichnungen wurden kontrolliert, vorgelesen oder innerhalb der Familie geteilt.

Hanna Kopahnke:
Also war das Tagebuch nicht dieses intime, verschlossene Medium, das wir heute im Kopf haben?

Dr. Sylvia Wehren:
Genau. Dieses reine Privatheitsideal ist eher ein späteres Narrrativ. Viele Arten des Tagebuchschreibens changierten immer zwischen Öffentlichkeit und Privatheit. Es gab selbstverständlich auch die Versuche, geheime Tagebücher zu schreiben und auch in Mädchentagebüchern finden sich codierte und unkenntlich gemachte Einträge oder herausgerissene Seiten. Und heute haben wir auch nur Tagebücher, die nicht vernichtet, sondern weitergegeben und archiviert wurden. Aber grundsätzlich war das Medium oft halböffentlich. Im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert veröffentlichten Frauen Tagebuchtexte sogar bewusst, um unter dem Deckmantel des Privaten öffentlich zu sprechen.

Hanna Kopahnke:
Gab es auch Widerstand gegen diese pädagogische Nutzung?

Dr. Sylvia Wehren:
Ja, unbedingt. Auch in den Tagebüchern selber stritten junge Menschen, so auch Mädchen mit den Eltern oder sie machten einfach nicht das, was ihnen aufgetragen war. Ab und zu gibt es auch Tagebücher, die aus der Reihe fallen: Ein Beispiel ist Anne Lister, die von 1791 bis 1840 lebte. Ihre Tagebücher waren teilweise verschlüsselt und haben eine lange Geschichte, die mehrmals fast zu ihrer Vernichtung geführt hat. Lister dokumentierte darin ihre unter anderem ihre lesbische Identität und in diesem Zusammenhang auch ihre intimen Beziehungen zu Frauen. Das zeigt, dass Tagebücher auch Räume für verbotene oder tabuisierte Erfahrungen sein können. Auch die Tagebücher der Anne Frank sind ein Beispiel für die Vielgestaltigkeit des Tagebuchs: privat begonnen, später von ihr bewusst politisch ausgerichtet.

Hanna Kopahnke:
Gibt es typische Themen in Mädchentagebüchern? Gerade in Bezug auf Tabus?

Dr. Sylvia Wehren:
In bürgerlichen Tagebüchern sind Körperlichkeit und Sexualität meist tabuisiert oder codiert. In proletarischen Tagebüchern tauchen Sexualität und auch sexualisierte Gewalt offener auf, eingebettet in soziale Notlagen. Vieles wurde verschlüsselt oder gar nicht erst geschrieben. Wir wissen also oft nicht, worüber bewusst geschwiegen wurde. Tabus sind historisch schwerer zu rekonstruieren.

Hanna Kopahnke:
Du hast vorhin von Halböffentlichkeit gesprochen. Würdest du sagen, Social Media ist eine moderne Form des Tagebuchs?

Dr. Sylvia Wehren:
Das hängt von der Definition ab. Lejeune spricht von der „datierten Spur in Serie“, um Tagebücher zu definieren. Wenn man diese Definition zugrunde legt, können auch Instagram-Accounts oder Bildarchive Formen der Tagebuchführung sein, vor allem, wenn sie chronologisch angelegt sind und einen dem Tagebuch typischen Selbstbezug haben. Gleichzeitig ist Social Media stärker kuratiert, kommerzialisiert und deutlich von sehr dynamischem sozialem Feedback geprägt. Aber auch historische Tagebücher hatten Kommentierungen, z.B. erkennbar durch Einträge von Freund:innen oder Eltern und sie wurden geteilt und gemeinsam gelesen. Die Trennung ist nicht eindeutig.

Hanna Kopahnke:
Und was ist mit den aktuellen Dankbarkeits- oder Selbstoptimierungsjournalen?

Dr. Sylvia Wehren:
Meines Erachtens ist das Teil einer deutliche Neoliberalisierung des Tagebuchs, die eingebettet in Kulturen des Selbst, die auf beständige Optimierung und Verbesserung des eigenen Ichs zielen. Selbstreflexion im Tagebuch wird hier zur Technik der Optimierung. Der Druck zur Selbstverbesserung ist besonders bei Mädchen enorm – auch weil sie sehr hohem Schönheits- und Sozialdruck ausgesetzt sind. Interessanterweise erzielen Mädchen seit Jahrzehnten bessere Bildungsabschlüsse, aber das spiegelt sich nicht in gleichem Maße in den gesellschaftlichen Strukturen wider.

Hanna Kopahnke:
Würdest du sagen, das Tagebuch ist ein geschlechtlich geprägtes Medium?

Dr. Sylvia Wehren:
Ja. Christa Hämmerle nennt es ein „strongly gendered medium“, und dem stimme ich zu. Das Tagebuch ist eingebunden in patriarchale und androzentrische Kulturen – im Schreiben, in der Archivierung, in der wissenschaftlichen Bewertung. Mädchentagebücher wurden lange als sentimental oder banal abgewertet, auch in der Wissenschaft, während männliche Reise- oder Kriegstagebücher als bedeutsamer galten. Diese Wertungen wirken bis heute nach.

Hanna Kopahnke:
Wenn du es zusammenfassen müsstest: was bleibt?

Dr. Sylvia Wehren:
Tagebücher sind ein sehr komplexes Medium. Sie sind weder rein privat noch rein öffentlich, weder nur disziplinierend noch nur emanzipatorisch. Sie bewegen sich immer in Machtverhältnissen. Und genau deshalb ist die Frage, ob es ein „typisches Mädchenhobby“ ist, so spannend, weil sie uns mitten in diese Strukturen führt.

Dr. Sylvia Wehren

Zur Person

Dr. Sylvia Wehren ist aktuell Leiterin des DFG-Forschungsprojekts „Doing Youth im Tagebuch. Tagebücher von Heranwachsenden als jugendkulturelles Phänomen (1830-1930)“ an der Universität Hildesheim. Daneben arbeitet sie zu Körper- und Emotionsforschung, Erziehungs- und Bildungstheorien, Kinder- und Jugendforschung, Medienkulturen und Medienbildung sowie zu Klasse und Geschlecht.