Seit ich klein bin, ecke ich an. Das liegt vor allem an meinem Charakter, der schon immer lebendig war. Im Grundschulalter bemerkte ich, dass sich die Reaktionen um mich herum veränderten. Während Jungs im Unterricht für dasselbe Verhalten Anerkennung erhielten, hörte ich Sätze wie „Sei leiser“. Alles, was bei ihnen als Selbstbewusstsein galt, wurde bei mir als unangemessen bewertet. Ich fühlte mich plötzlich klein und begann zum ersten Mal zu hinterfragen, ob ich überhaupt das Recht hatte, gehört zu werden.
Bis heute werde ich oft als eine laute weibliche Stimme beschrieben, während männliche Kollegen schlicht als klug wahrgenommen werden, obwohl wir dasselbe sagen. Der Unterschied liegt dabei nicht im Inhalt, sondern in der Wahrnehmung. In einer Studie aus dem Jahr 20171 zeigte sich, dass bereits sechsjährige Mädchen sich selbst deutlich seltener für “wirklich schlau” halten als Jungen und sich deshalb eher nicht an Aufgaben wagen, die als “für sehr schlaue Kinder” beschrieben werden. Genau das ist also kein individuelles Versagen, wie es sich manchmal anfühlt, sondern eine logische Reaktion auf gesellschaftliche Strukturen, die weibliche Selbstsicherheit weniger anerkennen und männliche belohnen.
Umso wichtiger ist es, darüber zu sprechen. Je mehr wir diese Mechanismen benennen, desto leichter fällt es, alte Glaubenssätze abzulegen und die eigene Stimme wahrzunehmen.
Ich habe besonders seit meinen Teenager-Jahren gelernt, dass es entscheidend ist, zu sagen, was ich denke, auch wenn Gegenwind kommt, um mir selbst und meinen Werten treu zu bleiben. Das ist nicht jeden Tag einfach. Ganz und gar nicht. Selbst beim Schreiben dieser Kolumne kommen nach jeder fertigen Zeile Zweifel auf: ,,Schreibe ich gut genug, um das überhaupt zu veröffentlichen?‘‘ Die Gedanken sind also da, sie sind laut, aber ich versuche, sie nicht auf mein Handeln wirken zu lassen, damit das Imposter-Syndrom nicht zu nervig wird.
Es ist ein mühsamer Prozess, aber er bringt mich näher zu mir selbst und zu meiner Wahrheit. Ich versuche immer, wenn diese Gedanken lauter werden, meine Erfolge mehr anzuerkennen, ohne sie zu relativieren und mir selbst zu sagen, dass mein Selbstbewusstsein eine Stärke ist und kein Makel, wie es von außen oft gelesen wird. Schritt für Schritt finde ich so meine eigene Stimme. Denn was wäre, wenn Selbstbewusstsein als junge Frau immer auch ein Stück Widerstand gegen bestehende Strukturen ist? Es ist ein Widerstand, den wir leisten müssen, weil jedes Mädchen und jede Frau es verdient, so zu sein, wie sie ist. Deshalb ist es entscheidend, schon früh damit anzufangen, uns gegenseitig mehr zu sehen.
Jede Erfahrung, die wir im Leben machen, prägt uns. Manche Erfahrungen tun das mehr, andere weniger. Je länger sie existieren, desto tiefer setzen sie sich in unseren Gedanken fest. Bei mir waren es früh Selbstzweifel, trotzdem sage ich, was ich denke. Ich wünsche mir sehr für euch, dass ihr entdeckt, was eure Leidenschaft ist und dieser nachgeht. Einfach, weil ihr das Recht dazu habt.
∎
