Ein Jahr lang wachte ich mit demselben Gedanken auf. Ein Jahr lang versuchte ich, ihn zu verdrängen. Bis die innere Stimme so laut wurde, dass ich nicht mehr weghören konnte. Also stieg ich einen Tag vor meiner Vollendung der Volljährigkeit in das Flugzeug nach Rom, so wie ich es mir lange gewünscht hatte. Abends erklomm ich die unebenen Treppen eines Parks am Rande der Stadt, um den besten Blick auf das Zentrum zu haben. Mit einer Handvoll Menschen stand ich plötzlich auf dem ruhigen Platz. Die Stadt lag unter mir, die Sonne fiel weich auf die Pflastersteine. Ich war zu Hause. In einem von meinen vielen.

Denn ich habe mehr als eins. Meine Heimatstadt im Norden, meine Kindheitsstadt Rom und ein familiäres Dorf in der Ukraine. Alles Orte, an denen ich Sprache, Menschen und Erinnerungen gesammelt habe. Als Kind sagte ich oft stolz “meine Zuhausen“, bis ich merkte, dass das Deutsche keinen Plural von ”Zuhause” kennt. In den anderen Sprachen hingegen schon. Vielleicht, weil sie mehr Raum für Widersprüche lassen. Wenn ich also über meine verschiedenen Zuhause spreche, finden das manche verwirrend. “Du kannst doch nicht mehrere Heimatorte haben“, fällt dabei oft als Satz. Aber warum eigentlich? Warum muss Heimat eins sein? Gerade jetzt, in einer Welt, die so eng miteinander verbunden ist wie nie zuvor, erscheint mir das wie eine Beschränkung statt einer Bereicherung.

Es ist wichtig zu verstehen, dass Herkunft ein Teil von Identität ist, der immer in Bewegung sein darf. Meine Familie ist über mehrere Länder verteilt, und wann immer ich in eines zurückkehre, vermisse ich die anderen beiden. Wir alle bewegen uns in einem Spannungsfeld zwischen dem Wunsch nach Zugehörigkeit und dem Drang nach Individualität. Entweder bewusst oder unterbewusst. Dabei wäre es doch schön, alles gleichzeitig existieren zu lassen.

Nach meinem Trip auf dem Berg war es kurz vor 0 Uhr. Ich saß auf einer Mauer und schaute melancholisch auf die Lichter Roms, die sich im Tiber spiegelten. Kurz dachte ich, ich wäre in einem schlechten Teenagerfilm. Dann war es Mitternacht und ich wurde 18. Ich war stolz, es mit meinem eigenen Geld und meiner Kraft hierher geschafft zu haben, und fühlte mich gleichzeitig seltsam leer. Ich vermisste alles, was ich nicht hatte, und liebte alles, was in diesem Moment war. A never-ending story.