Wenn wir verstehen wollen, wie die Soziale Arbeit als Profession tickt, ist es sehr hilfreich, einen Blick zurückzuwerfen. Nur auf diese Weise können wir aktuelle Konzepte und Wertvorstellungen der Sozialen Arbeit kritisch hinterfragen. Die Geschichte der Jugendhilfe ist nicht nur eine Geschichte der freundlichen Fürsorge, sondern auch eine Geschichte von Disziplinierung, Kontrolle und struktureller Gewalt. Besonders Mädchen und junge Frauen galten lange Zeit nicht als schutzbedürftig, sondern als moralische Gefahr für die gesellschaftliche Ordnung. Im 19. und 20. Jahrhundert war die Fürsorge- und Heimerziehung für Mädchen geprägt von autoritären und bürgerlichen Erziehungsidealen. Mädchen, die sich nicht in die engen Vorstellungen von „Anstand“, „Sittsamkeit“ und „Weiblichkeit“ eingefügten, galten als „verwahrlost“. Das Jugendhilfesystem hatte dabei weniger den Schutz des einzelnen Mädchens im Blick, sondern diente vielmehr der Überwachung und Disziplinierung weiblichen Verhaltens und weiblicher Körper.

Die Gründe für die Aufnahme von Mädchen in Einrichtungen der Jugendfürsorge waren häufig eng mit der gesellschaftlichen Moralvorstellung verknüpft. Mädchen, die als „sittenlos“ galten, zum Beispiel, weil sie schwanger waren, wurden weggesperrt, statt unterstützt. Besonders tragisch war dieser Umstand bei Mädchen und jungen Frauen, die sexuelle Gewalt erfahren hatten. Sie wurden häufig selbst für die Gewalterfahrung verantwortlich gemacht. Auch Armut und Widerstand gegen Autoritäten, zum Beispiel Eltern oder Lehrer*innen galten als Grund für solche Einweisungen.

Nach dem Zweiten Weltkrieg änderten sich die Strukturen nur sehr langsam. In beiden deutschen Staaten blieben Fürsorgeeinrichtungen für Mädchen Orte der Zwangsanpassung, Gewalt und Stigmatisierung. Während in der BRD viele staatliche und kirchliche Einrichtungen weiter auf harte Arbeit, strenge Disziplin und körperliche Züchtigung setzten, gab es in der DDR Spezialheime, in denen junge Frauen durch rigide Umerziehungsmaßnahmen „sozialistisch geformt“ werden sollten. Erst mit der zweiten Frauenbewegung in den 1970er Jahren wurde die strukturelle Gewalt gegen Mädchen und Frauen gesellschaftlich thematisiert. Dadurch erhielt das Thema Gewalt gegen Mädchen, ob in der Familie, im Heim oder auf der Straße, erstmals gesellschaftliche Aufmerksamkeit. Sozialpädagogische Angebote begannen langsam, die Lebenslagen von Mädchen differenzierter zu betrachten. Dieser Prozess ist aber längst nicht abgeschlossen. Erst eine kritische Aufarbeitung ermöglicht es uns zu verstehen, wie diese Geschichte der rigiden Moralvorstellungen und bürgerlichen Disziplinierungswünsche weiblicher Körper auch heute möglicherweise noch Konzepte der Jugendhilfe prägen.

Zum Weiterlesen:

Gehltomholt, Eva/ Hering, Sabine ( 2006): Das verwahrloste Mädchen. Diagnostik und Fürsorge in der Jugendhilfe zwischen Kriegsende und Reform (1945-1965).

Schmidt, Heike (2002): Gefährliche und gefährdete Mädchen. Weibliche Devianz und die Anfänge der Zwangs- und Fürsorgeerziehung.